Aktion Fuchsbau
Wie lässt sich ein abstraktes Grundbedürfnis wie Sicherheit für Kinder und Jugendliche unmittelbar erfahrbar machen? Bei der "Aktion Fuchsbau" wurde der Wald zum Lern- und Erfahrungsraum - und eine selbst gebaute Laubhütte zum Sinnbild für Schutz, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit.
Sieben Jungen aus dem stationären Jugendhilfekontext machten sich gemeinsam mit zwei pädagogischen Fachkräften auf den Weg in ein Waldgebiet bei Dormagen. Schon die Anfahrt mit dem Fahrrad gehörte zum Programm. Ziel des Tages war jedoch nicht einfach ein Ausflug in die Natur. Im Mittelpunkt stand die Frage: Was brauche ich eigentlich, um mich sicher zu fühlen? Gerade für junge Menschen mit belastenden biografischen Erfahrungen kann es wertvoll sein, Sicherheit nicht nur zu besprechen, sondern sie konkret zu erleben und selbst mitzugestalten. Das Praxisprojekt verband deshalb Naturerfahrung, körperliche Aktivität, Gruppenarbeit und Reflexion miteinander.
Aus Ästen und Laub entsteht ein Schutzraum
Nach der Ankunft im Wald setzte sich die Gruppe zunächst mit gemeinsamen Regeln auseinander. Ein eigens entwickelter "Waldvertrag" gab dabei Orientierung: zusammenbleiben, Wege möglichst nicht verlassen, Tiere und Pflanzen respektieren, keinen Müll zurücklassen - und auch den selbst gebauten Shelter am Ende wieder abbauen. Damit wurde von Beginn an deutlich, dass Naturerleben und Verantwortung für Natur zusammengehören. Die jungen Menschen sollten den Wald nicht nur als Erlebnisraum, sondern zugleich als schützenswerten Lebensraum wahrnehmen.
Mit einem Wahrnehmungsspiel näherte sich die Gruppe zunächst der Umgebung an. Anschließend ging es um menschliche Grundbedürfnisse und insbesondere um Sicherheit: Wie fühlt sich Unsicherheit eigentlich im Körper an? Was verändert sich, wenn wir uns sicher fühlen? Und können wir selbst etwas dazu beitragen?
Die Antwort wurde anschließend ganz praktisch gesucht: Gemeinsam sollte aus den vorhandenen Naturmaterialien eine Laubhütte entstehen. Die Jugendlichen mussten einen geeigneten Platz auswählen, Äste zusammentragen, eine tragfähige Konstruktion entwickeln und diese mit Laub isolieren. Vorgefertigte Lösungen gab es nicht. Die Gruppe musste sich organisieren, Aufgaben verteilen, Ideen ausprobieren und bei Problemen neue Lösungen finden.
Genau darin lag ein wesentlicher pädagogischer Wert der Aktion. Der Shelter war am Ende nicht nur ein Bauwerk. Die Jugendlichen konnten unmittelbar erleben: Unser eigenes Handeln verändert etwas. Gemeinsam können wir einen Ort schaffen, der Schutz bietet. In der anschließenden Reflexion beschrieben sie Sicherheit sowohl als äußeren Schutz als auch als inneres Gefühl. Gleichzeitig zeigte sich Selbstwirksamkeit sehr konkret: Die Jugendlichen übernahmen Verantwortung für einzelne Aufgaben und waren stolz auf das gemeinsam geschaffene Ergebnis.
Gemeinsam handeln - gemeinsam Lösungen finden
Auch für die Gruppendynamik bot der Bau zahlreiche Lerngelegenheiten. Unterschiedliche Vorstellungen und Arbeitsweisen führten zeitweise zu Spannungen. Aufgaben mussten ausgehandelt, Konflikte gelöst und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Gerade diese Situationen erwiesen sich im Rückblick als wertvoll: Kooperation und Kommunikation waren keine abstrakten Lernziele, sondern wurden während des gemeinsamen Handelns unmittelbar notwendig.
Beim Probeliegen in der fertigen Laubhütte konnten die Jugendlichen den selbst geschaffenen Schutzraum körperlich wahrnehmen. Später wurde die Erfahrung noch einmal auf den Alltag übertragen: Wer oder was gibt mir Sicherheit? Welche Menschen, Orte und Strukturen helfen mir? Und was kann ich selbst tun, wenn ich mich unsicher fühle? Genannt wurden beispielsweise Kommunikation, das Setzen eigener Grenzen, verlässliche Absprachen, vertraute Personen sowie Möglichkeiten der Selbstberuhigung und Selbstwahrnehmung.
Pädagogik braucht nicht immer viel Material
Die "Aktion Fuchsbau" zeigt zugleich, dass wirkungsvolle naturpädagogische Angebote nicht zwangsläufig hohe finanzielle oder materielle Ressourcen erfordern. Für den Shelter wurden ausschließlich Materialien genutzt, die vor Ort vorhanden waren; Kosten entstanden im Wesentlichen für Verpflegung und Verbrauchsmaterialien. Entscheidend waren vielmehr eine sorgfältige Vorbereitung, klare Regeln und ein tragfähiges Sicherheitskonzept - von der Wetterkontrolle über bekannte Rettungspunkte bis zur Risikoanalyse für das Arbeiten und Bewegen im Wald.
Während des Projekts veränderte sich die Rolle der begleitenden Pädagogen vom Lösungsgeber zum Begleiter. Vertrauen, Motivation und Offenheit entstanden vor allem dort, wo die Kinder und Jugendlichen eigene Ideen entwickeln und ausprobieren konnten.
Die Verbindung von Naturerfahrung, Gruppenarbeit und Reflexion eröffnete vielfältige Lernmöglichkeiten. Gerade der Bau der Laubhütte erwies sich als geeignete Methode, um das individuelle Bedürfnis nach Sicherheit nicht nur kognitiv zu thematisieren, sondern praktisch, emotional und körperlich erfahrbar zu machen.
Das Projekt "Aktion Fuchsbau" entstand im Rahmen der Weiterbildung "Jugendhilfe packt an! - In Bildung, Natur, Biodiversität und Umwelt" des Projekts Natur (er)leben! und zeigt beispielhaft, wie Nachhaltigkeitsthemen in der Kinder- und Jugendhilfe lebendig, alltagsnah und wirksam vermittelt werden können.



